Wie erkläre ich einem Patienten was Osteopathie ist

Osteopathie kann komplex sein. Wie ihr euren Patient*innen gut verständlich und einfach erklärt, was Osteopathie ist, lest ihr hier.

Inhaltsverzeichnis

Wie erkläre ich einem Patienten was Osteopathie ist?

Die Kommunikation mit Patient:innen ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg einer Behandlung. Die Überzeugung, dass das therapeutische Vorgehen sinnvoll ist und zur Verbesserung der Beschwerden beitragen kann, ist wesentlich, um den Heilungsprozess zu unterstützen.

„Waren Sie schon einmal bei einer Osteopathin oder einem Osteopathen?“

Diese Frage solltet ihr bei Neupatient:innen standardmäßig in das Anamnesegespräch einbauen. Jeder Mensch betritt die Praxis mit einer bestimmten Erwartungshaltung. Wer bislang vor allem die klassische ärztliche Praxis kennt, betritt entsprechend Neuland, wenn er oder sie erstmals eine osteopathische Behandlung in Anspruch nimmt.

Vielleicht vermutet die Person, Osteopathie sei „so etwas wie Physiotherapie“ oder „irgendetwas Ganzheitliches“. Eure erste Aufgabe besteht deshalb darin, die Erwartungen der Patient:innen mit dem abzugleichen, was sie in eurer Praxis tatsächlich erwartet.

Theorie oder Praxis ?

Wie lässt sich Osteopathie einem Patienten oder einer Patientin in fünf Minuten erklären? Eine Möglichkeit wäre, das theoretische Gedankengerüst unserer Profession darzustellen: Ganzheitlichkeit, Ursache und Wirkung, das Zusammenspiel von Form und Funktion sowie die Einheit der Bindegewebsstrukturen. Aus meiner Sicht hat diese Vorgehensweise zwei Nachteile.

Erstens besteht die Gefahr, Patient:innen mit komplexen Inhalten und Zusammenhängen zu überfordern. Wer weiß schon genau, was Bindegewebe ist oder was unter „Ganzheitlichkeit“ zu verstehen ist? Zweitens erleben viele Menschen die klassische Medizin so, dass sie ärztliche Erklärungen nicht vollständig verstehen. Der Arzt oder die Ärztin „holt den Patienten nicht ab“, wie man so schön sagt.

Genau diesen Eindruck sollten wir Osteopath:innen vermeiden. Wir Osteopath:innen sind medizinisch geschulte Fachpersonen, die Patient:innen auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam mit ihnen an der Behandlung ihrer Beschwerden arbeiten.

Diese Haltung sollte in jedem Moment der Beziehung zwischen Patient:in und Osteopath:in spürbar sein. Deshalb tendiere ich dazu, Patient:innen die osteopathische Gedankenwelt anhand praktischer Beispiele zu vermitteln.

Praktische Beispiele für eure Anamnesegespräche:

Beispiel 1

In diesem Beispiel verbinden sich viszerale mit parietalen Aspekten. Ihr bittet die Patientin oder den Patienten aufzustehen und sich vorzustellen, unter Magenschmerzen zu leiden. Fragt: „Wie würden Sie in dieser Situation Ihre Körperhaltung verändern, um die Schmerzen zu lindern?“

In der Regel legen Patient:innen die Hände auf den Magen und beugen sich leicht nach vorn, um die Spannung im Gewebe rund um den Magen zu verringern. Wenn die Person nicht von selbst darauf kommt, erklärt ihr, warum diese Reaktion eine natürliche Folge von Magenschmerzen sein kann. Anschließend bittet ihr die Patientin oder den Patienten, sich wieder aufzurichten und die Hände auf die Rückseite der Oberschenkel zu legen.

PastedGraphic 1

Nun soll die Person erneut die leichte Vorbeuge einnehmen und wahrnehmen, was unter den Händen geschieht. Natürlich wird die Patientin oder der Patient die Anspannung der ischiocruralen Muskulatur spüren. Anschließend erklärt ihr die daraus möglicherweise entstehende Pathophysiologie:

„Wenn chronische Magenschmerzen über einen längeren Zeitraum anhalten, kann die erhöhte Spannung der rückseitigen Muskulatur möglicherweise zu Veränderungen der Beckenstellung führen, denn dort setzt diese Muskulatur an. Solche Veränderungen können weitere Konsequenzen haben, beispielsweise Rücken- oder Nackenschmerzen.“

Dieses statische Muster kann bestehen bleiben, wenn sich der Bewegungsapparat an die veränderte Haltung angepasst hat – selbst dann, wenn die Gastritis später ausgeheilt ist. Genau solche Zusammenhänge zu erkennen und zu behandeln, ist ein wesentlicher Bestandteil der Osteopathie.

Beispiel 2

Dieses Beispiel bezieht sich ausschließlich auf den parietalen Bereich der Osteopathie, ist für Patient:innen jedoch besonders anschaulich. Meine erste Frage lautet in diesem Fall immer: „Sind Sie schon einmal mit dem Fuß umgeknickt?“ Wie ihr euch denken könnt, lautet die Antwort fast immer: „Ja.“

PastedGraphic 2

Anschließend zeige ich den Patient:innen an einem Skelettmodell – das meiner Ansicht nach in jeder Praxis vorhanden sein sollte –, wie sich der Talus beim Umknicken verschieben kann. Direkt nach dem Umknicken schmerzt das Sprunggelenk. Nach wenigen Tagen ist der Schmerz häufig kaum noch spürbar, und nach zwei Wochen ist das Ereignis meist vergessen. Hat sich der Talus wieder korrekt ausgerichtet, bleibt es in der Regel dabei.

PastedGraphic 3

Ist dies nicht der Fall, kann der Körper die leichte Fehlstellung durch minimale Veränderungen der Fußstellung, des Kniegelenks und möglicherweise auch im Bereich von Hüfte und Becken ausgleichen. Dies bezeichnen wir als Kompensation. Eine Kompensation kann dazu führen, dass Patient:innen zunächst keine Symptome wahrnehmen.

Die Strukturen des Bewegungsapparates, die den Ausgleich übernehmen, verändern dabei jedoch geringfügig ihre Stellung oder Spannung Bänder, Sehnen und Muskeln müssen sich anpassen. Auch die Stellung der Knochen innerhalb der Gelenke und die neuronal gespeicherten Bewegungsmuster können sich geringfügig verändern. Zunächst ist das kein Problem, denn unser Körper ist darauf ausgelegt, Belastungen auszugleichen.

Unglücklicherweise bleibt es im Laufe des Lebens jedoch meist nicht bei einem einzigen Umknicktrauma. Wir stolpern und fallen – besonders in jungen und späteren Lebensjahren – mehrfach, erleiden kleinere oder größere Unfälle, müssen operiert werden oder ziehen uns Knochenbrüche zu. Hinzu kommt, dass wir unseren Körper häufig nicht ausgewogen belasten.

PastedGraphic 4

All diese Einflüsse erfordern zahlreiche kleine Kompensationen, die sich im Laufe der Zeit zu komplexen Kompensationsnetzen im Körper verbinden können. In der Osteopathie sprechen wir in diesem Zusammenhang von „Läsionsketten“. Ab einem bestimmten Punkt kann die Fähigkeit des Körpers, weitere Kompensationen zu entwickeln und dadurch Beschwerdefreiheit zu erhalten, erschöpft sein. Dann können Symptome entstehen. Dazu zählen Schmerzen, veränderte Bewegungsmuster, Funktionsstörungen oder auch manifeste Erkrankungen.

Die Aufgabe von Osteopath:innen besteht darin, solche Zusammenhänge aufzuspüren und mögliche Ursachen der Kompensationen zu behandeln. Auf diese Weise lässt sich nachvollziehen, weshalb beispielsweise chronische Nackenschmerzen mit einer länger bestehenden Fehlstellung des Talus in Verbindung stehen können.

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