Osteopathie & Pathologie Praxisfall Skleros

Warum Osteopathie fundiertes Pathologie-Wissen braucht: Dieser Praxisfall zeigt, wie übersehene Sklerose jahrelange Beschwerden erklärt.

Mann im mittleren Alter

Inhaltsverzeichnis

Praxisfall: Warum Osteopath:Innen etwas von Medizin verstehen sollten

Osteopathie nimmt für sich in Anspruch, ganzheitlich auf den Menschen und auf alle den Körper beeinflussenden Aspekte zu schauen. Das ist tatsächlich der Anspruch, den viele Osteopathinnen und Osteopathen an ihre Arbeit stellen. Aber was heißt das konkret?

Der folgende Praxisfall zeigt sehr eindrücklich, welches medizinische Wissen notwendig sein kann, um wirklich ganzheitlich zu arbeiten.

Top in shape der Mann

Der Patient stellte sich mit Schmerzen im oberen, lateralen Bereich der Gesäßregion vor. Dieser punktuelle Schmerz zog gelegentlich bis zur homolateralen SIAS. Eine Ausstrahlung in das Bein verneinte er. Allerdings brachte er eine lange Liste medizinischer Diagnosen mit, die er mir als Excel-Ausdruck überreichte. Die Liste umfasste rund 40 Einträge.

Sein äußeres Erscheinungsbild stand in deutlichem Gegensatz zur Länge dieser Befundliste. Vor mir saß ein 54-jähriger Mann, der mit seinem schlanken, sehr sportlichen Körper problemlos als Mitte 40 hätte durchgehen können.

In der Anamnese erklärte er, dass er seit einigen Jahren immer wieder Schmerzen in unterschiedlichen Bereichen des Bewegungsapparates verspüre. Entsprechend häufig habe er Ärzte, insbesondere Orthopäden, aufgesucht, um die Ursachen dieser Beschwerden abklären zu lassen.

Die diversen MRT- und CT-Befunde habe er schließlich in einem Spreadsheet zusammengefasst. Aufgrund seiner Sportlichkeit und durch Übungen, die ihm Physiotherapeut gezeigt hätten, habe er viele Beschwerden immer wieder in den Griff bekommen. Das aktuelle Problem, wegen dem er sich nun bei mir vorstellte, sei jedoch nicht dauerhaft zu beseitigen.

40 Befunde und nur einer bringt uns weiter

Beim Durcharbeiten der Befundliste ergab sich folgendes Bild: Die Probleme waren hauptsächlich in der HWS, der LWS inklusive Sakrum sowie in beiden Schultern verortet. Die Befunde reichten von Bandscheibenvorwölbungen über leichte Verengungen der Neuroforamina, degenerative Veränderungen der Facettengelenke und Impingement-Syndrome beider Schultern mit entzündlichen Episoden der Bursa subdeltoidea bis hin zu Teilläsionen der Bizeps- und Supraspinatussehne sowie einer leichten Spinalkanalstenose auf Höhe L4/L5.

Auffällig war jedoch, dass keiner dieser Einzelbefunde einen wirklich klaren Hinweis auf relevante neuronale Kompressionen, ausgeprägte arthrotische Veränderungen oder aktive entzündliche Prozesse ergab – abgesehen von den beschriebenen Episoden an der Bursa subdeltoidea. Kurz gesagt: Die Diagnosen erklärten die Symptome nur unzureichend.

Bei der körperlichen Untersuchung fiel zunächst eine deutliche Rigidität des Bewegungsapparates auf. Das ist bei sportlichen Patient erfahrungsgemäß nicht ungewöhnlich. Viele sportliche Menschen lieben Bewegung, leben aber nach dem Motto: „Dehnung? Nein, danke.“

Hellwach wurde ich erst beim Test der thorakalen Atmung. Der Patient schien bei der Inspiration sehr viel Kraft aufwenden zu müssen. Sobald er die maximale Einatmung erreicht hatte, schnellte der Brustkorb ohne aktives Zutun des Patienten wieder in die Exspiration zurück. Eine solche Ausatmungsdynamik war mir in dieser Form bis dahin noch nicht begegnet.

Mann im mittleren Alter mit Beschwerden und Schmerzen

Nach mehrmaliger Wiederholung wurde klar: Die fasziale Ummantelung der Lunge und/oder das Lungengewebe selbst zeigten eine auffällig schlechte Viskoelastizität.

Auf Nachfrage erklärte der Patient, dass ihn das Gefühl, gegen einen starken Widerstand einatmen zu müssen, bereits seit Jahren begleite. Nach der Einatmung werde die Luft dann wie automatisch wieder aus seinem Brustkorb herausgepresst.

Plötzlich erinnerte ich mich an einen Nebenbefund auf seiner Liste. Dort stand sinngemäß:

„Sklerose des Lungengewebes. Ursache wahrscheinlich autoimmun.“

Sklerose

Sklerose ist der medizinische Begriff für eine Gewebeverhärtung. Je nach Erkrankung kann es sich dabei um Vernarbung, Verdichtung, Fibrosierung oder einen strukturellen Umbau von Gewebe handeln.

Bei den Ursachen sklerotischer Veränderungen unterscheidet man grob zwischen:

  • klar autoimmunen oder stark autoimmun geprägten Erkrankungen,
  • immunvermittelten, aber nicht immer klassisch autoimmunen Erkrankungen,
  • nicht primär autoimmunen Ursachen.

Insgesamt gibt es sehr viele Erkrankungen und Befundkonstellationen, bei denen sklerotische Veränderungen auftreten können. Der Begriff „Sklerose“ bezeichnet daher zunächst kein einheitliches Krankheitsbild, sondern beschreibt eine bestimmte Art der Gewebeveränderung.

Wie bei vielen Autoimmunerkrankungen sind genaue Abgrenzungen schwierig, und die Ursachen sind nicht immer eindeutig geklärt. Klinisch relevant ist jedoch, dass Patient mit dem Krankheitsbild der systemischen Sklerose, auch Sklerodermie genannt, eine krankheitsspezifische Neigung zu fibrotisch-sklerotischen Gewebeveränderungen entwickeln können. Das bedeutet: Im Verlauf können verschiedene Gewebearten und Organsysteme betroffen sein.

Die Progredienz und die Art des Gewebebefalls sind dabei individuell sehr unterschiedlich. In manchen Fällen ist eine Organbeteiligung sogar ein früher oder entscheidender Befund.

Was macht eine Osteopath:In mit einem solchen Patient?

Der wichtigste Punkt ist: Wir leiten den Patienten zur weiteren ärztlichen Abklärung. In diesem Fall hatten die behandelnden Ärzt offenbar bislang keine weiterführenden Schritte zur Klärung dieses Befundes eingeleitet. Diese Abklärung sollte der Patient zeitnah einfordern.

Die weitere Diagnostik und Behandlung einer möglichen systemischen oder autoimmunen Erkrankung liegt primär bei Fachärzten, insbesondere in der Rheumatologie. Bei einer Beteiligung der Lunge kommen außerdem Internist und/oder Pneumolog hinzu.

Unsere osteopathische Aufgabe liegt in einem solchen Fall in der begleitenden Behandlung. Patient mit sklerotischen Veränderungen entwickeln aufgrund des Verlustes der Viskoelastizität bestimmter Gewebe häufig kompensatorische Bewegungsmuster. Diese beeinflussen die Statik, belasten Muskeln und wirken sich auf fasziale Aufhängungssysteme und Ummantelungen aus.

Diese Pathogenese erklärt die immer wieder auftauchenden Schmerzzustände in verschiedenen Bereichen des Bewegungsapparates des Patienten. Durch Übungen hatte der Patient bisher immer wieder geschafft die Überlastung des schmerzenden Elements zu eliminieren. Nun schien Überlastungssituation jedoch komplexer zu sein, sodass alle bisherigen Übungen nicht mehr halfen.

Die Harmonisierung der Gewebespannung auf möglichst vielen Ebenen ist daher ein wesentliches Ziel der osteopathischen Behandlung. Dafür stehen sowohl direkte als auch indirekte Techniken zur Verfügung. Bei systemischen sklerotischen Veränderungen kann es sein, dass Patient langfristig und immer wieder osteopathische Unterstützung benötigen.

Die wichtigste Aufgabe in diesem konkreten Fall bestand zunächst darin, dem Patienten zu erklären, was eine sklerotische Veränderung des Lungengewebes bedeuten kann, und ihm deutlich zu machen, dass dieser Befund ärztlich abgeklärt werden muss.

Unabhängig von der noch ausstehenden medizinischen Diagnostik vereinbarten wir zwei kurzfristige Behandlungstermine. Ziel dieser Termine sollte sein, insbesondere das durch die Lungenveränderung belastete Gewebe des Brustkorbs, der HWS und des Schultergürtels zu behandeln und die Gewebespannung zu harmonisieren.

Seine Aufgabe für die Zukunft wird es sein, seine Haltung von „Dehnung? Nein, danke“ in „Dehnung? Immer wieder gerne“ zu verwandeln. Dafür werden wir einen Behandlungstermin nutzen, um einfache, dynamische Dehnungsübungen zu erarbeiten, die er regelmäßig selbst anwenden kann.

Und was lernen wir aus diesem Fall?

Neben den rein osteopathischen Inhalten wie Untersuchungsmethodik, Behandlungsformen, Läsionskettendenken und geschulter Palpationsfähigkeit ist es für wirklich ganzheitlich denkende Osteopath unabdingbar, ein fundiertes medizinisches Wissen im Bereich der Pathologie aufzubauen.

Durch die Kenntnis des Begriffs „Sklerose“ und der möglichen systemischen Auswirkungen sklerotischer Erkrankungen konnten wir die langjährigen Symptome des Patienten zumindest in einen neuen Zusammenhang stellen. Möglicherweise sind wir damit der Ursache seiner Beschwerden etwas nähergekommen.

Selbst wenn die weitere medizinische Abklärung zu dem Ergebnis kommen sollte, dass keine autoimmune, progrediente Sklerose vorliegt, bleibt dieser Fall lehrreich. Der Patient wird spüren, dass seine Befunde ernst genommen wurden und dass nicht nur einzelne MRT-Bilder, sondern der gesamte Mensch betrachtet wurde.

Genau darin liegt ein wesentlicher Wert osteopathischer Arbeit: Wir behandeln nicht nur lokale Beschwerden, sondern versuchen, Zusammenhänge zu erkennen. Dafür brauchen wir Hände, Erfahrung, klinisches Denken – und medizinisches Wissen.

Als Abonnement von Dynocroc findest du zu allen Organen die wichtigsten Pathologien mit Symptomen, medizinischer Diagnostik und Behandlungsoptionen

Weitere Fachartikel

Der unerfüllte Kinderwunsch 

Osteopathie Ausbildung online für Mediziner

Wie Osteopathie bei Kinderwunsch unterstützen kann: ein Praxisfall über Gewebespannung im Becken & ihre Wirkung auf die Einnistung nach IVF.

Artikel weiterlesen

Schultergelenk Schmerzen

Osteopathie Ausbildung online für Mediziner

Impingement, Capsulitis oder AC-Gelenk? Erfahre, was hinter Schultergelenkschmerzen steckt & wie Osteopathie gezielt helfen kann.

Artikel weiterlesen

Der Tinnitus 

Osteopathie Ausbildung online für Mediziner

Tinnitus verstehen: Erfahre, wie Phantomgeräusche entstehen, welche Auslöser es gibt und welchen Einfluss Stress, Kiefer und Nacken haben.

Artikel weiterlesen