Hüftschmerzen ? Erst mal fragen: Wo tut es denn weh !
Im Praxisalltag kommen viele, sehr viele Patient:innen mit der Selbstdiagnose „Hüftschmerzen“ zu uns. Und natürlich schwingt bei vielen die Angst mit, demnächst unter das Messer zu müssen, um sich eine Hüft-TEP einsetzen zu lassen. Folglich ist die erste Frage – oft noch bevor wir mit der Anamnese begonnen haben: „Muss ich mich operieren lassen?“
Vorsicht: Ein nicht unerheblicher Teil der Patient:innen hat keine Hüftschmerzen, sondern Schmerzen in einem Areal, das landläufig als Hüftregion bezeichnet wird.
Wo ist denn eigentlich das Hüftgelenk ?
Das Hüftgelenk liegt ziemlich weit vom Außenrand des Beckens entfernt. Das, was wir von außen fühlen, ist der Trochanter, ein ziemlich dicker Knochen am oberen Ende des Oberschenkelschafts. Von ihm aus verläuft der Oberschenkelhals etwa 4 cm nach innen (medial), und erst dann schließt sich der Gelenkkopf an, der einen Durchmesser von etwa 5 cm hat.

Da der Gelenkkopf nur zu etwa 50 % von der Gelenkpfanne (Acetabulum) umgeben wird, kann man sagen, dass das eigentliche Hüftgelenk ungefähr 6 cm medial des Trochanters beginnt. Hüftschmerzen sind also irgendwo mittig in der Leiste zu verorten. Alle anderen Schmerzen, die von Patient:innen als „Hüftschmerzen“ definiert werden, deuten meist auf andere Ursachen hin.
Diese Patientin zeigt Schmerzen im Hüftgelenk an
Eine Patientin, die ihren Schmerzbereich so anzeigt wie auf dieser Abbildung, hat mit großer Wahrscheinlichkeit eine fortgeschrittene Hüftarthrose.

Egal, was der MRT- oder Röntgenbefund genau definiert: Ab einer Coxarthrose Grad 2 kann es sinnvoll sein, Patient:innen zu einer Operation zu raten.
Dabei spielen zwei Kriterien eine Rolle
Das subjektive Empfinden
Leiden Patient:innen stark unter Schmerzen sowie unter Belastungs- und Bewegungseinschränkungen, sollte nicht zu lange auf die „erlösende“ Operation gewartet werden. Menschen haben unterschiedliche Sensibilitäten, können unterschiedlich mit Dauerschmerzen umgehen und haben unterschiedliche Ansprüche an ihr persönliches Leben. Leiden ist nicht kategorisierbar, sondern individuell.
Was machen wir Osteopath:innen mit diesen Patient:innen, bis sie sich zur Operation entschließen?
- allgemeine Mobilisation des Hüftgelenks
- Relaxation der umgebenden Muskulatur
- Harmonisierung der sich einschleichenden Läsionsketten
(Kompensationsbewegungen, die wie eine Kette andere Bereiche des Systems stärker belasten).
Und wir sollten sie auch darin bestärken, die Operation anzugehen. Die Zahl der Menschen, die Lebenszeit verschwenden, weil sie aus Angst eine notwendige Hüftoperation hinauszögern, ist leider sehr hoch.
Das objektive Bewegungsbild
Patient:innen mit hoher Schmerzresilienz laufen Gefahr, Folgeschäden zu entwickeln, die irreversible Schädigungen nach sich ziehen. Hier ist es unsere Aufgabe, den Patient:innen ein objektives Bild ihrer Bewegungsmuster zu präsentieren. Patient:innen können vielleicht mit dem Schmerz umgehen, sie können aber nicht vermeiden, dass der Körper durch Kompensationen versucht, das geschädigte Element – in diesem Fall die Hüfte – zu schonen. Das erste Kompensationsmuster ist ein klar erkennbares Humpeln.
Später werden Schultergürtel sowie der Kopf-Hals-Bereich bei jedem zweiten Schritt auf die entgegengesetzte Seite geschwungen, um möglichst wenig Gewicht auf der geschädigten Hüfte zu haben. Zeigen sich bei unserer Untersuchung bereits signifikante Dysfunktionen in anderen Bereichen des Körpers, die sich durch unsere Behandlungsmethoden nicht nachhaltig verbessern lassen, ist es Zeit, den Patient:innen die Konsequenzen zu erklären.
Mögliche Folgen können sein:
- Bandscheibenvorfälle
- sich schnell verschlechternde Arthrosen anderer Gelenke
- viszerale Einschränkungen
Und wenn es eben nicht an dem Hüftgelenk wehtut – Fall 1 ?

Diese Patientin zeigt Schmerzen in der Glutealmuskulatur an. Im Normalfall wird diese Patientin nicht von einem Anlaufschmerz berichten, sondern von Schmerzen bei statischen Belastungen wie längerem Stehen oder Sitzen.
Wo liegt also ihr Problem? – Meist an zwei Dingen
- Bewegungsmangel
- statische Dysbalance
Die Ursachen statischer Dysbalancen herauszufinden ist ein Klassiker in der Osteopathie. Die komplette Untersuchung aller Elemente des Körpers ist Grundvoraussetzung, um den Ursachen auf die Spur zu kommen. Den Mangel an Bewegung zu verändern, ist dagegen natürlich Sache der Patient:innen. Aber wir können sie motivieren. Unsere wichtigste Aufgabe ist es, Patient:innen individuell dort abzuholen, wo sie stehen.
Beispiele für Patiententypologien:
Faul, aber musikbegeistert?
→ Tanzen Sie doch einfach ein bisschen, wenn gute Musik im Radio läuft. Sie bekommen guter Laune und tun etwas gegen ihre Schmerzen !
Wahnsinnig viel Stress im Büro?
→ Führen Sie Zweiergespräche mit den Kolleg:Innen beim Spazierengehen im Büro oder vor dem Bürogebäude. Draußen spricht es sich viel freier als im stickigen Meeting Raum und ihre Muskulatur entspannt sich gleichzeitig.
Muskelübungen sind zu kompliziert?
→ Recken und strecken Sie sich einfach in alle Richtungen – mit Kraft und mit langsamen Bewegungen. Machen sie es wie ihr Hund, dem geht es danach auch besser.
Und wenn es eben nicht an dem Hüftgelenk wehtut, Fall 2 ?
Diese Patientin zeigt den Schmerzpunkt am Trochanter an.

Und was verläuft dort entlang?
Als Osteopath:in ist es unerlässlich, die Anatomie zu beherrschen. Der Tractus iliotibialis verläuft über den Trochanter – und er hat es in sich.
Ein paar Beispiele:
- Der M. tensor fasciae latae spannt den Tractus. Durch eine Iliumdysfunktion (Ilium posterior) kann der Tractus überspannt werden, was zu den beschriebenen Schmerzen führen kann.
- Auch die in den Tractus einstrahlenden Fasern des M. gluteus maximus können die Spannung deutlich erhöhen.
- Zwischen Tractus und Trochanter befindet sich eine Bursa (Schleimbeutel). Bekommen Schleimbeutel dauerhaft zu viel Druck, entzünden sie sich häufig. Auch in diesem Fall ist also das Hüftgelenk komplett unschuldig.
Ihr seht, Hüftschmerzen sind nicht immer Hüftschmerzen. Wie immer ist eine saubere Diagnostik und Untersuchung der wahre Weg zur Ursachenerkennung.


