Praxisfall Fußschmerzen
Giovanni (der Name ist geändert) ist einer der besten Freunde eines unserer Kinder. Wie viele Kicker mit 16 träumte auch er von einer Karriere zwischen den Pfosten – dort, wo sich für ihn die Welt entscheidet. Eines Tages – die Jungs hatten mal wieder unseren Kühlschrank erleichtert und saßen gesättigt am Küchentisch – kam Giovanni mit der Geschichte seines Fußes aus dem Busch.
Seit einigen Wochen habe er beim Auftreten ständig Schmerzen. Der Schmerz habe sich im Verlauf gesteigert, und seit einer Woche sei an Training nicht mehr zu denken. Der Orthopäde habe ihm Physiotherapie verschrieben, doch die Behandlungen hätten bislang keine nachhaltige Verbesserung gebracht.
Alle stehen auf Füße(n)
Wenn wir nicht liegen oder sitzen – was wir übrigens viel zu häufig tun –, steht unser gesamtes Gewicht auf unseren Füßen. Beim Gehen, Rennen oder Springen wirken zeitweise enorme Kräfte auf sie. Springst du beispielsweise von einer einen Meter hohen Mauer und federst den Sprung nicht gut ab, bekommen deine Füße es mit dem bis zu Zwanzigfachen deines Körpergewichts zu tun.

Entsprechend komplex und genial sind sie aufgebaut. Mit 26 Knochen pro Fuß befinden sich rund 25 % aller Knochen unseres Körpers in den Füßen. Diese Knochen sind durch mehr als 50 Bänder miteinander verbunden. Zusammen mit den Fußmuskeln verarbeitet diese Struktur die physikalischen Einflüsse, die auf den Fuß wirken.
Hat der Fuß ein Problem, sucht er die Hilfe von oben
Bei einer Fußproblematik – und Giovanni hatte eine solche – versucht der Körper, durch kompensatorische Anpassungen von über dem Fuß liegenden Strukturen eine relative Homöostase (ein Gleichgewicht) zu erreichen. Diese können Knie, Hüfte, Becken oder noch weiter kranial liegende Körperstrukturen betreffen. Dieses Phänomen nennen wir aufsteigende Läsionsketten.
Der Fuß ist das Ende und zeigt OsteopathInnen an wo der Hase im Pfeffer liegt
Umgekehrt – also bei absteigenden Läsionsketten – ist der Fuß ein hilfreicher Indikator für die weitere Untersuchung. Denn ein Fuß, auf dem ein Mensch nicht steht, zeigt häufig an, woher ein Problem kommen kann. Das können Schmerzen im Fuß selbst oder Symptome sein, die wesentlich weiter oben im Körper auftreten. Mach einen kleinen Test und lege dich beziehungsweise deine Patient:in entspannt auf den Rücken. Lege nun ein Kissen unter den Kopf und schaue dir die Füße an. Ist vielleicht einer mehr nach außen gedreht als der andere? Zeigen beide vielleicht – wie bei einer Spitzentänzerin – nach unten? Sind vielleicht die Zehen des einen etwas stärker angewinkelt als die des anderen?
Wie eine Fahne im Wind zeigen uns Osteopath:innen diese Abweichungen an, wo Spannungsungleichgewichte zwischen links und rechts oder zwischen vorne und hinten im Körper vorherrschen.

Ein ganz einfacher Test, um einer Läsionskette auf die Spur zu kommen, besteht darin, den Fuß bei liegender Patientin beziehungsweise bei liegendem Patienten langsam in die Plantarflexion und in die Dorsalextension zu bewegen. Mit diesem Test erspürt man, auf welcher Höhe und auf welcher Seite Restriktionen (Widerstände) auftreten.

Die freie Beweglichkeit der Fußknochen untereinander ist Voraussetzung für schmerzfreie Füße
Osteopath:innen werden bei der Symptomatik Fußschmerzen auf jeden Fall den Fuß auf die Beweglichkeit aller Fußknochen untersuchen und gegebenenfalls behandeln. In diesem Bereich gibt es bei vielen Patient:innen einiges geradezurücken. Wird diese Mobilisation konsequent ausgeführt, kann sich so mancher Patient beziehungsweise so manche Patientin eine Einlage sparen, wobei wir nicht sagen möchten, dass Einlagen grundsätzlich keinen Sinn machen.
Die Mobilisation ist grundsätzlich einfach: Alle Knochen werden untereinander in die Richtungen bewegt, in die sich die verbindenden Gelenke physiologisch bewegen lassen. Das Prinzip ist immer gleich: Ein Knochen wird mit der einen Hand fixiert, der andere wird bewegt. Während der Mobilisation erspüren Osteopath:innen die eingeschränkten Bewegungen, indem kombinierte Bewegungsachsen ausgetestet werden. Wie bei GOT-Techniken „tanzen“ wir mit dem Gewebe.
Zudem ist es sinnvoll, die den Fuß bewegenden Muskeln – diese befinden sich zum Großteil am Unterschenkel – faszial zu lösen.
Manchmal bedarf es einer intensiveren Behandlung
Wenn man sich vorstellt, mit welchen Kräften der Fuß bei einigen Sportarten malträtiert wird, ist es einleuchtend, dass manche Verklemmungen am Fuß nicht durch sanfte Mobilisationen lösbar sind. Hier bieten sich verschiedene HVLA-Techniken (High Velocity Low Amplitude) an, um die Dinge wieder „richtigzustellen“.

Genau so war es bei unserem Torwarttalent. Er war in einem Spiel umgegrätscht worden, wobei er einen seitlichen Schlag von innen auf sein Sprunggelenk bekommen hatte. Während des Spiels und auch in den ersten Tagen nach dem Ereignis hatte er keinerlei Schmerzen. Diese kamen erst nach und nach, und die Schmerzintensität nahm stetig zu.
Was war also passiert? Der Talus (das ist der Knochen zwischen Tibia und den Fußwurzelknochen) war durch die Aktion mit seinem Kopf nach lateral gestoßen worden und kam nicht mehr in seine ursprüngliche Position zurück. Die nun nicht mehr korrekt aufeinanderstehenden Gelenkflächen führten dazu, dass das Körpergewicht nicht mehr gleichmäßig auf den Knorpelflächen getragen wurde, sondern auf wenigen Punkten lastete. Über die Zeit reizte dies die unter dem Knorpel liegende Knochenhaut und verursachte die Schmerzen. Diese Verletzung nennt sich Inversionstrauma und kommt recht häufig bei Sportarten mit schnellen Richtungswechseln vor.
Also habe ich Giovanni auf unserem Küchentisch mit einem Thrust behandelt. Nach zwei Minuten war er schmerzfrei. Der Torwartkarriere hat all das allerdings nicht geholfen: Er ist heute sehr erfolgreich bei einer Unternehmensberatung tätig und spielt Fußball nur noch an der Konsole.


