Der Tinnitus 

Tinnitus verstehen: Erfahre, wie Phantomgeräusche entstehen, welche Auslöser es gibt und welchen Einfluss Stress, Kiefer und Nacken haben.

Junger Mann hört laut Musik über Kopfhörer und schreit

Inhaltsverzeichnis

Der Tinnitus: ich höre was, was du nicht hörst

Rein medizinisch reden wir über einen Tinnitus, wenn die Patient:Innen Geräusche hören, die keine zu dem Geräusch passende äußere Schallquelle haben. Wie kann so etwas passieren?

Was genau bei einem Tinnitus passiert ist bisher nicht im Detail bekannt. Allerdings scheint klar zu sein, dass das Hörzentrum im Gehirn unvollständige „Datensätze“ aus dem Hörapparat selbständig zu einem Ton vervollständigt. Diese Vervollständigung funktioniert offensichtlich bei Tinnitus-Patienten außergewöhnlich schlecht und die entstehenden „Phantomgeräusche“ belasten das Leben der Patient:Innen oft sehr stark.

Welche Umstände können die Datenübermittlung vom Hörorgan zum Hörzentrum im Gehirn beeinflussen?

Ein häufig auftretender Faktor für die Entwicklung eines Tinnitus ist die Verletzung von Haarzellen durch Lautstärke. Haarzellen sind die Sinneszellen im Hörorgan. Werden sie durch Schwingung der Endolymphe im Innenohr in Bewegung gebracht, erkennt das Hörzentrum Frequenz und Lautstärke des Geräusches.

Verletzungen der Haarzellen durch Lautstärke können spontan oder durch Dauerbelastung entstehen.

Der spontan entstehende Tinnitus durch ein Knalltrauma

Der unvorbereitete Knall eines Feuerwerkskörpers oder eines Schusses kann bei einmaligem Vorkommen einen Tinnitus auslösen. In diesem Fall funktioniert die Lautstärkenregulation des Mittelohrs durch den M. Stapedius aufgrund des plötzlichen Entstehens des Knalls nicht ausreichend und Haarzellen gehen in großem Maße unter. Die durch die verbleibenden Haarzellen an das Hörzentrum weitergeleiteten Daten sind von diesem nicht richtig interpretierbar und es entsteht ein Phantomgeräusch – ein Tinnitus.

Der Tinnitus durch andauernde Lautstärkebelastung

Auch bei andauernder Lautstärkebelastung, z.B. durch Musik oder durch den Krach von mechanischen Geräten im Job, können die Haarzellen sukzessive verletzt werden, bis schlussendlich ein Tinnitus entsteht.

Dieser junge Mann wird also eventuell seinen übermäßig lauten Musikgenuss mit einem nervigen Tinnitus in späterem Alter bezahlen. 

Junger Mann hört Musik und alter Mann blickt belastet in die Kamera

Der Tinnitus nach Hörsturz

Auch beim Tinnitus als Folge von Hörstürzen geht man davon aus, dass die Datenentstehung im Hörapparat und/oder Weiterleitung durch den Hörnerv nicht mehr vollständig funktioniert. Die Ursache von Hörstürzen ist ebenfalls nicht nachhaltig geklärt.

Unsere Praxiserfahrung ist, dass Schädigungen der Haarzellen oder des Hörnervs osteopathisch nicht heilbar sind.

Oftmals ist der Tinnitus keine Folge von Pathologien – bei diesen Tinniti schlägt die Stunde der Osteopath:Innen

Eine Vielzahl von Tinniti hat aus unserer Erfahrung keine pathologischen Ursachen. Bei diesen Tinniti steht zu vermuten, dass durch starke mechanische Einflüsse auf den Hörapparat die Schallwellen verändert werden. Diese veränderten Schallwellen sind vom Hörzentrum wiederum nicht logisch interpretierbar und das Gehirn „bastelt“ sich ein Phantomgeräusch.

Der mechanische Weg des Schalls

Wie hören wir eigentlich? Der Schall aus unserem Umfeld wandert durch den äußeren Gehörgang zum Trommelfell und versetzt dieses in Schwingung. Diese Schwingung wird durch die drei Gehörknochen im Mittelohr verstärkt und an das ovale Fenster, welches das Mittel- vom Innenohr abgrenzt, weitergegeben. Diese Schwingung wird nun in einer Flüssigkeit, der Perilymphe, aufgenommen und in das Hörorgan weitergeleitet. Über einen komplizierten mechanischen Prozess bringt die Flüssigkeit die Haarzellen im Hörorgan in Schwingung. Diese Schwingung wird in elektrische Signale umgewandelt, welche dann über den Hörnerv an das Hörzentrum im Temporallappen interpretiert werden.

Die beiden Membranen als Quelle des Tinnitus

Aus unserer Erfahrung sind die beiden Membranen des Hörapparats – das Trommelfell und die Membrana stapedis – die häufigste Ursache für die nicht pathologischen Tinniti. Das Trommelfell inseriert am Annulus fibrocartilagineus des Os temporale und hat eine direkte Verbindung zum knorpeligen äußeren Gehörgang. Sowohl Spannungen am Os temporale als auch Züge am äußeren Gehörgang können die Spannung des Trommelfells beeinflussen.

Das ovale Fenster liegt in der medialen Wand der Paukenhöhle, also ebenfalls im Os temporale. Welche Einflüsse auf das Os temporale können also die Spannungen an den Membranen beeinflussen?

Der Kauapparat als Hauptursache für den mechanischen Tinnitus

Starke Muskelspannungen, ein ungleicher Aufbiss, Malokklusion durch Fehlstellung der Ober-/Unterkieferrelation und nächtliches Knirschen belasten die knöchernen Strukturen des Hörsystems. Diese Belastungen können einen Einfluss auf die Schallweiterleitung zwischen Außen-, Mittel- und Innenohr haben.

Junger Mann knirscht mit den Zähnen

Die kraniosakrale Osteopathie bietet vielfältigen Zugang zu diesem Problem. Durch die Untersuchung und Behandlung der SSB (Synchondrosis sphenobasilaris) können wir den Ursachen der Malokklusion auf die Spur kommen. Die Behandlung des Os temporale, spezifisch in dem Bereich um das Mastoid, beeinflusst direkt den Ort, in dem der Hörapparat zu finden ist.

Über das Außenohr können wir die Spannungszustände im Bereich des Mittelohrs harmonisieren.

Der Kopf-Schulter-Nackenbereich beeinflusst Spannungen in der Muskulatur rund ums Os temporale

Ein weiterer den Tinnitus begünstigender Faktor ist der gesamte muskuläre Komplex zwischen Kopf und Nacken. Auch hier setzen sich Muskelspannungen auf die Elemente des Neurocraniums fort und können den Tinnitus verschlimmern.

Die Entspannung der Nackenmuskulatur, des kraniozervikalen Überganges, des OAA-Komplexes und speziell des M. sternocleidomastoideus gehören zu den Untersuchungen und Behandlungen, die wir bei Tinnitus-Patient:Innen vornehmen sollten.

Der Tinnitus ist häufig stressabhängig

Wichtigster Co-Faktor der Tinnitus-Erkrankung ist aus unserer Erfahrung der berühmte Stress. Jeder Mensch nimmt Stress anders wahr, jeder Mensch geht mit Stress anders um. Viele Methoden, um Patienten beim Stressabbau zu helfen, fallen in andere Therapieformen.

Entsprechend breit ist das Feld der Behandlungsmöglichkeiten im Einzelnen. Bei Tinnitus-Patient:Innen werden Osteopath:Innen auf jeden Fall alle großen Einflussmöglichkeiten auf das vegetative System in die Behandlung einbauen. Dazu gehören die Harmonisierung des Vagus in seinem gesamten Verlauf, die Beruhigung des enterischen Nervensystems und die Stärkung des kranialen Rhythmus.

Der Abschluss einer Tinnitus-Behandlung in unserer Praxis ist immer der CV4. Durch diese kraniosakrale Technik kommen die Patient:Innen in den Zustand der tiefen Entspannung, und der Körper kann unsere Behandlungsimpulse im Zustand der Harmonie verarbeiten.

Therapeutin beruhigt Patientin mit ruhiger Atemtechnik

Übungen zum Stressabbau

Gerade Tinnitus-Patient:Innen sind oft dankbar für Übungen, mit denen sie sich selbst helfen können. Aus unserer Sicht bieten sich folgende Übungen an:

Vagus-Aktivierung

Die Patient:In atmet 4 Sekunden ein und 8 Sekunden aus. Das Ganze sollte mindestens 5 Minuten lang gemacht werden. Bei der Ausatmung kann die Patient:In brummen.

Progressive Muskelentspannung

Die progressive Muskelentspannung kann im ganzen Körper angewandt werden. Die Patient:In liegt auf dem Rücken und spannt eine Muskelgruppe 7 Sekunden an, um sie dann 10–15 Sekunden zu lösen. Für Tinnitus-Patient:Innen sollte die Reihenfolge sein: zunächst die Hände, dann die Schultern, dann den Kiefer und schließlich das Gesicht an- und dann zu entspannen.

Selbstwahrnehmung

Die Selbstwahrnehmung ist eine mentale Übung, die den inneren Fokus vom Tinnitus entfernen hilft. Die Patient:In liegt auf dem Rücken und fokussiert die Aufmerksamkeit auf einzelne Elemente des Körpers: „Wie fühlt sich mein linker Fuß an? Wie mein rechter?“ So reist die Patient:In langsam durch den ganzen Körper.

Abschließend ist es wichtig, bei Tinnitus-Patient:Innen transparent und ehrlich zu kommunizieren. Fakt ist aus unserer Erfahrung, dass wir einen Tinnitus äußerst selten heilen können. Ob wir ihn positiv beeinflussen können, kann sich erst nach 2–3 Behandlungen herausstellen.

Videos zur osteopathischen Tinnitus-Behandlung

Hier findest du als Abonnement beispielhaft eine Auswahl der auf dynocroc.com verfügbaren Videos zur osteopathischen Untersuchung und Behandlung von Patienten mit Tinnitus:

  • Video: „Untersuchung Globale Tests“
  • Video: „Die osteopathische Untersuchung“
  • Video: „Der kraniale Rhythmus – Herleitung und Logik“
  • Video: „Untersuchung Neurocranium Os temporale“
  • Video: „Behandlung Sutura Occipitomastoidea (OM)“
  • Video: „Untersuchung Neurocranium Synchondrosis Sphenobasilaris (SSB)“
  • Video: „Behandlung Neurocranium Synchondrosis Sphenobasilaris (SSB)“
  • Video: „Regional-globale Tests Cranium“
  • Video: „Behandlung Cranium Kaumuskulatur“
  • Video: „Behandlung Cranium Compression of the 4th Ventricle (CV4)“

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